Schhriftstellerische Kostproben

„Das erste Wort“ (Rede beim Jahresempfang des Behindertenbeauftragten)

(Ein kleines Mädchen fährt durch die Reihen des Publikums und spricht einzelne Anwesende auf ihre Besonderheiten an):

Hallo, warum hast du denn so eine große Nase? Warum schaust du denn so traurig? (usw. als Beispiele. Dann spricht sie einen Rollstuhlfahrer an):Hallo, warum fährst du denn einen Rolli? Bist du so wie ich? Bist du auch „anders“? Ist das dieses „Anders“ wenn man im Rolli fährt?

(auf der Bühne angekommen): Alle sagen immer ich bin anders. Und dann sprechen die Erwachsenen immer noch von „normal“. Und das hört sich immer so an als wäre dieses „Normal“ ganz was Tolles und alles andere irgendwie nicht gut. Nicht richtig. Aber wirklich erklären was dieses „Normal“ ist, kann mir keiner von den Erwachsenen. Ich versteh das jedenfalls nicht. Könnt ihr mir das vielleicht erklären?
Mama sagt, normal ist, wie die meisten Menschen sind. Oder der Durchschnitt von etwas. Aber wie sind denn die Meisten?
Bist du wie die Meisten? So ganz und gar wie die Meisten? Ein Meist_er im normal sein? Geht denn das überhaupt? Und wenn ja, warum sollte man das wollen? Gibt es den Durchschnitt von etwas eigentlich ein einziges Mal auf dieser Welt? Oder ist nicht doch alles auf dieser Welt ein bißchen anders?

(Macht sich die Zöpfe raus): Also, ich sehe das so: Dieses Normal von dem alle reden, gibt es gar nicht. Und wenn es ein „Normal“ gibt, dann ist alles was es gibt normal. Alles was es auf dieser Welt gibt ist normal. Warum sollte es etwas geben, was nicht normal ist, nicht so sein soll? Was nicht sein soll, wird es auch nicht geben. So seh ich das. Ich bin ich und du bist du. Und wir sind zusammen in dieser Welt. Und jetzt?
Was mache wir jetzt daraus? Inklusion, Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Alles schöne Worte. Aber kann das funktionieren in einer Gesellschaft wie unserer? In einer Gesellschaft in der Konkurenzkampf, Effizienz und ökonomische Interessen vorherrschen?
Einer Gesellschaft in der es vorrangig um Leistung und nicht um zwischenmenschliche Interessen, geschweige denn ein liebevolles Miteinander geht? In der Vorurteile, Gleichmacherei und Schubladendenken an der Tagesordnung sind.
Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, jeden einzelnen als Individium anzuerkennen und ihn oder sie in seinem oder ihrem ganz eigenen Wesen zu erkennen? Und wenn z. B. emotionale Fähigkeiten nicht den selben Stellenwert wie wirtschaftliche Fähigkeiten haben? Wofür überhaupt Wertigkeiten? Ist nicht jeder Mensch, jedes Wesen, jedes Ding auf dieser Welt „wert“ einfach weil er/sie/es ist? Kann Gleichberechtigung nicht erst da anfangen, wo auch Gleichwertigkeit der Unterschiede ist und Gleichmacherei aufhört?

© bei Jana Zöll

Auszug aus: Die Liebe in Gedanken

…An dem Punkt fang ich dann lieber wieder an, darüber nachzudenken, es ihm doch noch zu sagen. Aber dann stellt sich gleich die übermächtige Frage WIE ich es ihm denn sagen soll, schließlich ist das letzte Mal irgendwie dezent daneben gegangen.
Hier also meine Top five der „Ich sag’s ihm“-Möglichkeiten:
An Stelle fünf: Wir zwei sind irgendwo grade ein paar Minuten ungestört, wir unterhalten uns, vielleicht über unsere Ferien und ich sag: „Ich hab dich ganz schön vermisst.“ Wie gerne ich ihm das sagen würde, immer und immer, weil ich ihn jeden Tag vermisse, selbst in den Momenten in denen wir miteinander reden. Weil er nicht bei mir ist, nicht wirklich. Versteht ihr was ich meine? Und dann würde ich nachsetzen: „Ich hab dich nämlich unglaublich lieb.“
Bei mir an Stelle fünf, weil ich das wahrscheinlich gerade noch so hinbekommen hätte. Aber das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes und ob er es verstanden hätte? Wahrscheinlich hätte er nur irritiert aus der Wäsche geguckt, vielleicht noch so was gesagt wie: „Ich hab dich auch vermisst“ oder „Ich hab dich auch gern“ und dann wäre das Gespräch ganz normal weitergegangen. Männer können echt begriffsresistent sein.
Platz 4: Wir reden ganz locker miteinander so über dies und das und alles und irgendwann, frag ich, so ganz nebenbei, als wäre es gar nicht so wichtig: „Sag mal, hast du eigentlich nie gemerkt, dass ich total verliebt in dich bin?“ „Eh was?“ „Na, ich bin total verliebt in dich. Schon ziemlich lange eigentlich.“ „Krass. Nein das hab ich nicht gemerkt.“
Ach, keine Ahnung was er darauf sagen würde oder was ich noch weiter sagen würde. Aber es wäre immerhin raus gewesen oder? Es wäre gesagt. Und eigentlich findet er das doch gut, wenn man klar und grade heraus ist, direkt und ohne Umschweife. Okay, das hatte ich ja eh schon längst vermasselt, mit meiner Direktheit konnte ich ihn eh nicht mehr beeindrucken, deshalb dachte ich könnte ich es auch eigentlich gleich so machen wie auf Platz drei:
Ich: „Was würdest du sagen, wenn ich dir sagen würde, ich hätte mich in dich verliebt?“
„Was ist denn das für ne Frage?“
„Ach weißt du, ich bin da schon länger in jemanden verliebt…“
„Aha“
„Ich trau mich aber nicht ihm das zu sagen.“
„Warum nicht?“
„Angst vor seiner Reaktion…? Deswegen frag ich jetzt dich, vielleicht würde er ja ähnlich reagieren.“ Höchst wahrscheinlich sogar. (Sie grinst.)
„Also, ich weiß nicht ob ich da der Geeignete bin, ich hab ´ne Freundin.“
(leise): „Er auch…“
„Oh ok… (Pause) Ich glaube, ich würde es trotzdem wissen wollen.“
Oder würde er doch eher sagen: „Dann behalt es lieber für dich.“? So was wie: „Tut mir leid Juli, aber da solltest du lieber die Finger von lassen, so was ist aussichtslos.“
Nein, er würde es bestimmt wissen wollen.
„Und wenn ich es dir jetzt sagen würde, würde es was ändern für dich?“
(zögerlich): „Weiß nicht… so was kann man vorher immer schwer sagen… Kennst du ihn denn gut?“
„Ich weiß nicht, wann kennt man einen Menschen schon gut? Ich könnte ihn sicher besser kennen, aber wir sind ganz gut befreundet denke ich.“
„Und kenn ich ihn?“ Aber würde er das wirklich fragen? Normalerweise ist er nicht so neugierig, er bleibt da eher diskret. (lächelt)
„Also wenn du ihn nicht kennst, wer soll ihn dann kennen?“ Wahrscheinlich würde er jetzt nichts mehr sagen, er würde langsam begreifen… „Ich hab dich gefragt, weil du es bist in den ich verliebt bin.“
Das Problem bei der Sache ist: Wie er wirklich reagiert hätte ich auch erst erfahren, wenn es raus ist. Aber ich hätte wenigstens etwas vorfühlen können und wenn ich ein definitiv ungutes Gefühl gehabt hätte, hätte ich ihn immer noch in dem Glauben lassen können, es wäre sonst wer.
Besser jedenfalls als die Situation die ich mir für Platz zwei ausgemalt hab: Am wahrscheinlichsten ist es wir sehen uns auf irgendeiner Party. Wie es ja dann auch kam… Es ist ziemlich laut. Wir versuchen trotzdem uns zu unterhalten. Und ich hab mich endlich dazu durchgerungen es ihm zu sagen (sie tut so als würde sie brüllen): „Ich hab mich in dich verliebt.“ („in dich verliebt“ formt sie nur noch mit den Lippen) In diesem Scheiß-Moment dreht der DJ die Musik auf. Jonathan brüllt: „Was?“ „Ich hab mich…“ Und dann kommt SIE: „Jonathan komm, komm schnell, da ist…“ ach was weiß ich was passiert. Jonathan sagt noch schnell: „Wir reden nachher weiter“ und zieht von dannen.
Das wäre doch typisch, hab ich gedacht. Vielleicht wäre es besser so gewesen…
Das Einzige was ich mir vorstellen konnte was noch schlimmer wäre, wäre der Klassiker: Man unterhält sich mit seiner besten Freundin, schwärmt ihr grade voll was vor: „Jonathan ist so lieb, so witzig, intelligent, sexy, so total ehrlich, engagiert und einfühlsam. So außergewöhnlich und manchmal so geheimnisvoll. Ich finde er geht so respektvoll mit den Menschen um. Und ich weiß, dass er mich auch mag.
Oh Mann, ich bin so verliebt, ich weiß nur nicht wie ich ihm das sagen soll, weil…“ Dumm nur das er genau in dem Moment vorbei kommt und alles mitanhört. Frei nach dem Motto: Die Gedanken kannst du dir jetzt sparen.
Aber das wär doch alles besser gewesen, als das was wirklich passiert ist!…

© bei Jana Zöll

Was ist Integration?

Geboren mit der Erbkrankheit Osteogenesis Imperfecta (Glasknochen), gelte ich von Geburt an als körperbehindert. Dadurch setzte ich mich zwangsläufig immer wieder mit dem Thema Integration auseinander.
Nachdem ich an einem Regelgymnasium mein Abitur gemacht hatte, entschied ich mich für ein Studium an einer integrativen Schauspielschule.
Entgegen meiner Erwartung waren die Räumlichkeiten jedoch alles andere als behindertengerecht und außer mir gab es bislang nur einen weiteren behinderten Schauspielstudenten. Aber immerhin würde ich hier eine professionelle Schauspielausbildung bekommen, was für behinderte Menschen alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. So ist diese Schauspielschule nach eigener Aussage die einzige europaweit die integrativ arbeitet.
Doch nach drei Jahren Studium las ich etwas, dass mich sehr stutzig machte. In aller Deutlichkeit drängte sich mir nun die Frage auf: Was ist Integration?
Es handelte sich um eine Übersicht der diesjährigen Absolventen. Jeder war mit Foto abgebildet, darunter stand der belegte Studiengang. Unter dem Foto des behinderten Studenten stand: Erster Absolvent des integrativen Studiengangs.
Irgendetwas konnte hier nicht stimmen.
Die hier Abgebildeten waren doch, jedenfalls offiziell, eine Klasse. Doch nur bei diesem einen Studenten gab es den Vermerk „integrativ“.
Schon rein logisch kann das nicht funktionieren. Zur Integration gehören immer Mehrere. Es muss schließlich eine Gruppe geben in die sich der Einzelne integriert und auch integriert wird. Denn für Integration kann unmöglich der Einzelne alleine sorgen, die Gruppe muss auch bereit sein den Einzelnen zu integrieren, gegebenenfalls Einschränkungen hinnehmen, um sich auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen einzustellen.
Ist dies nicht der Fall, ist der Einzelne nach wie vor auf sich allein gestellt, muss selber sehen wie er mit seinen Einschränkungen zurecht kommt und wie er einigermaßen mit den Anderen mithalten kann. Damit bleibt er immer außen vor, was der Integration grundlegend widerspricht.
Somit hätte der Vermerk „integrativ“ entweder für die ganze Klasse gelten müssen oder für keinen der Studenten.
So wie der Vermerk „integrativ“ hier gebraucht wurde, scheint er mir jedoch nichts weiter als ein Sonderschulstempel zu sein. Vermutungen, wie die Verantwortlichen der Schule Integration verstehen, liegen nahe:
Offiziell ist der behinderte Student ein Kommilitone, Mitglied der Klasse. Doch läuft er in der Klasse nicht nur mit, wird jedoch anders betrachtet, anders bewertet, immer gesondert von seinen Kommilitonen? Belegte er nicht eigentlich einen Sonderstudiengang, ohne das dies jemals klar ausgesprochen wurde?
In diesem Fall wäre es besonders tragisch, da er der einzige behinderte Student in dieser Klasse war. Er hätte also als Einzelner einen Sonderstudiengang belegt, es gäbe keinen Vergleich, aber gegebenen Falles auch keine Mitstreiter. Im Endeffekt wäre er immer auf sich gestellt.
Im Laufe meiner Überlegungen zu dem Begriff „Integration“ habe ich dieses Schausbild gefunden:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Stufen_schulischer_Integration.png&filetimestamp=20060227162337
Es ist erschreckend wie nah die oben dargelegte Auffassung des Begriffes Integration an der tatsächlichen Definition des Begriffes dran ist.
Dennoch gibt es einen erheblichen Unterschied: Die Definition der „integrativen Pädagogik“ geht davon aus, dass es zwei Gruppen gibt: Schüler (hier Studenten) mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Schüler/Studenten ohne sonderpädagogischem Förderbedarf.
Jedoch gibt es an dieser Schule keine oder allenfalls eine äußerst unzureichende Extra-Förderung für den behinderten Studenten. Auf der anderen Seite scheint er nicht im Vergleich mit den anderen Studenten bewertet zu werden. Deshalb wird der Vermerk „integrativ“ bei diesem Studenten nötig, er macht sofort klar: Dieser Student kann (natürlich) nicht dasselbe leisten wie seine Kommilitonen, die Noten die er bekommt sind nicht im Vergleich zu denen der Kommilitonen zu sehen.
Der behinderte Student ist somit weder konsequent integriert, nach der allgemeinen Definition, noch gleichberechtigt.
Die vorherigen Schulen die ich besucht habe, haben letztlich eher Integration betrieben, als diese Schauspielschule, die mit einem integrativen Studiengang warb. Auf meine körperlichen Einschränkungen wurde insofern Rücksicht genommen, als dass sich bemüht wurde möglichst all meine Unterrichte im selben Unterrichtsraum im Erdgeschoss oder in Unterrichtsräumen die mit dem Aufzug zu erreichen waren, stattfinden zu lassen. Zudem war ich immer vom Sportunterricht befreit, ansonsten nahm ich wie alle anderen am Unterricht teil, ohne Sonderförderung, ohne Sonderbehandlung.
Doch hatte ja auch ich den Begriff Integration immer anders verstanden als er wohl allgemein definiert ist und halte von Integration, so wie sie definiert ist, nicht viel.
Solange man noch von zwei Gruppen ausgeht, die zwar im selben Gebäude unterrichtet werden, aber dennoch von vornherein grundlegend verschieden behandelt werden, handelt es sich für mich nicht um Integration, sondern nach wie vor um zwei völlig voneinander getrennte Gruppen.
Andererseits ist klar, dass ein körperbehinderter Schüler/Student im Sportunterricht oder, um beim Beispiel der Schauspielschule zu bleiben, im Bewegungsunterricht, beim Tanzen oder bei Akrobatik nicht genauso wie ein nichtbehinderter Schüler/Student behandelt und bewertet werden kann.
Hier bin ich schließlich auf den Begriff „Inklusion“ gestoßen.
Für mich zeigt das Schaubild zu diesem Begriff genau das, was ich bislang unter Integration verstanden habe. Eine Gruppe; allerdings bestehend aus lauter Individuen. Denn letztlich kann man weder alle behinderten Schüler/Studenten noch alle nichtbehinderten Schüler/Studenten über einen Kamm scheren. Behinderte Schüler/Studenten haben sehr verschiedene Bedürfnisse, aber auch nichtbehindert Schüler/Studenten.
Deshalb sucht man bei der Methode der Inklusion nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das könnte vielleicht das Bedürfnis sein etwas zu lernen und mit anderen Menschen zusammen zu sein. Darin sind alle Schüler/Studenten eine Gruppe. Um aber das Beste aus jedem herauszuholen und seine größtmögliche Entwicklung zu erreichen, braucht jeder individuelle Förderung, ob behindert oder nichtbehindert, da jeder verschiedene Stärken, aber auch Schwächen hat. So wird der Übergang zwischen behindert und nichtbehindert fließend. Irgendwann würden wohl die Begriffe „behindert“ und „nichtbehindert“ verschwinden, da es letztlich eine willkürliche Unterteilung ist. Es würde sich einfach um eine Gruppe handeln, eine Gruppe von Menschen. Denn darin sind alle Schüler/Studenten gleich: im Mensch sein.
Die Methode der Inklusion umzusetzen ist allerdings nicht ganz einfach, da der Mensch dazu neigt zu kategorisieren und zusammenzufassen. Diese Methode jedoch baut darauf auf, auf jeden einzelnen Menschen einzugehen. Das ist Arbeits- Zeit- und Kostenintensiv und erfordert viel Einfühlungsvermögen. In unserer heutigen Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Wettbewerb gründet, kaum vorstellbar. Denn um mit jemandem konkurrieren zu können braucht es Vergleichswerte und um zu vergleichen braucht es Bewertungsmaßstäbe.
Wenn es jedoch festgelegte Bewertungsmaßstäbe gibt, kann schon nicht mehr auf jeden individuell eingegangen werden. Gibt es aber keine festgelegten Bewertungsmaßstäbe und man bewertet dennoch, besteht die Gefahr, dass die Bewertung sehr subjektiv und willkürlich wird. Deshalb muss es festgelegte Regeln der Bewertung geben. Doch wenn es pauschale Regeln gibt, wird es immer Menschen geben, die benachteiligt werden, die nicht in ihrer Gänze berücksichtigt werden können, die einfach durch das Raster fallen.
Um die Methode der Inklusion umzusetzen, müsste sich also noch vieles in der Gesellschaft und vor allem im Bewusstsein der Menschen verändern. Die Bewertung in Schulnoten, das Vergleichen, das Schubladendenken und das Konkurrenzverhalten müssten wegfallen.
Erst dann kann jeder Mensch als Individuum gesehen werden und sich dennoch gleichberechtigt in der Gruppe der Menschen eingebunden fühlen. Und das ist doch die wahre Integration.
Inklusion ist die wahre Integration!

© bei Jana Zöll

Eine engagierte Schauspielerin?

(Eine junge Frau kommt herein gestapft. Auf ihrem Gesicht stehen Empörung und Entgeisterung geschrieben.)

Schauspielerin: Ha! Das kann jawohl nicht wahr sein! Jetzt hat der mich tatsächlich rausgeschmissen. Ich glaub’s ja nicht. Das kann jawohl nicht sein Ernst sein oder? Schmeißt der mich raus. MICH! Das ich nicht lache!
Jedenfalls war ich gerade im Büro des Intendanten, nichts Böses ahnend, da sagt der feine Herr doch glatt zu mir: „Frau Müller-Schmitz, es tut mir schrecklich leid, aber sie wissen ja, wir müssen dringend die Kosten senken und deshalb bin ich leider gezwungen das Ensemble zu verkleinern. Frau Müller-Schmitz es tut mir schrecklich leid, aber ich kann leider Ihren Vertrag nicht verlängern. Es war eine gute Zusammenarbeit mit ihnen und ich wünsche ihnen viel Glück und Erfolg auf ihrem weiteren Weg.“
Wegrationalisiert, ich?! So hab ich mir das vorgestellt. Da reiß ich mir hier tagtäglich den Arsch auf und der Dank? Jetzt hüpft doch tatsächlich so ein Häschen an meiner Stelle über die Bühne.
(Äfft ihn nach): „Es tut mir schrecklich leid. Ich wünsch ihnen noch viel Erfolg auf ihrem Weg.“ Blablabla! Der alte Tattergreis hat mich doch nur rausgeschmissen, weil die Süße ihn auf ganz andere Art und Weise befriedigt hat. Aber ich sag euch was: Das hab ich nicht nötig!
Ich lebe für die Kunst. Nein: Ich lebe die Kunst! Ich bin Schauspielerin durch und durch und von ganzem Herzen. Nur so kann der Beruf einem Erfüllung bringen und du den Beruf erfüllen. Schauspiel ist kein Beruf, Schauspiel ist eine Berufung. Das heißt auch, dass man diesem Beruf gegenüber eine ganz besondere Verantwortung hat. Das ist nicht immer einfach. Aber diese Häschen kommen daher, machen einen auf sexy Hexy und bekommen die Rollen nur so nachgeschmissen. Dass sie ständig zu spät zu den Proben kommen, unvorbereitet, das Ganze nicht ernst nehmen und sich dann mal eben lapidar was aus dem Ärmel schütteln, macht ja nichts! Dass da nur oberflächlicher Quark bei rauskommt, versteht sich wohl von selbst. Aber in die Tiefe gehen, das haben die ja nicht nötig.
Kunst kann man sich nicht mal eben einfach aus dem Ärmel schütteln. Schauspiel hat entgegen landläufiger Meinung auch was mit Ernsthaftigkeit und Disziplin zutun. Das ist ganz harte Arbeit. Kunst ist Leidenschaft! (Dabei guckt sie so verbissen, dass man nicht glauben kann, das in ihr auch nur ein Fünkchen Leidenschaft steckt.)
Und dann muss man sich vom Regisseur noch anhören: „Schauen Sie Frau Müller-Schmitz, wie Frau Baumeister das macht, mit welcher Leichtigkeit. Das ist es was die Figur braucht. Wonach ich mit Ihnen schon seit Wochen suche. Stattdessen bieten Sie mir immer wieder dieselbe, aufgesetzte, unpassende Ernsthaftigkeit an. Wir haben hier keine Zeit für so was!“
Na dann wunder ich mich über gar nichts mehr. Wahre Kunst braucht Zeit. Wahre Kunst muss reifen. Und anstatt, dass die Herren Intendanten endlich mal wieder was unternehmen um der Kunst zu ihrem Recht zu verhelfen, wird behauptet, diese Häschen hätten Talent. Talent, dass ich nicht lache! Wenn das Talent ist, wird Talent völlig überwertet. Eine Schande ist das, für den ganzen Berufsstand des Schauspielers! Für die ganze Theaterwelt ist das eine Schande! Sollen die mit ihrem Talent doch zu GZSZ gehen, da wird so was wie die gebraucht. Aber von den Theatern sollen die sich gefälligst fernhalten und Profis ihre Arbeit machen lassen.
Aber der Herr Intendant wird schon noch sehen was passiert, wenn er sich auf seine süßen Bunnys verlässt, mit ihrem sogenannten Talent.
Irgendwann ist das Talent nämlich aufgebraucht und man spuckt nur noch immer dieselben Stereotypen aus. Hups, da wär’s jetzt gut wenn man arbeiten könnte. Aber das haben die ja nicht gelernt, denn die mit ihrem bisschen Talent hatten das ja nicht nötig. Tiefgang haben die nicht nötig!
Zeit zu GZSZ zu gehen. Dafür reicht’s vielleicht gerade noch. Aber mit Kunst hat das nichts zu tun, was unsere ach so ambitionierten jungen Talente da treiben.
Aber ich sag euch was: Von mir wird man noch was hören, während die sich in der Tretmühle der Daily-Soaps abrackern und die Ehre unseres Berufsstandes durch den Dreck ziehen.
Und der Herr Intendant wird sich noch ganz schön umsehen, wenn sein Theater den Bach runter geht, weil seine tollen jungen Talente die Sache an die Wand gefahren haben.
Und er wird sich fragen: „Wieso hab ich damals eigentlich das Fräulein Müller-Schmitz gekündigt? Das war noch eine junge Dame die etwas vom Schauspielen verstanden hat, was es bedeutet Schauspielerin zu sein. Ehrgeizig und fleißig. Sie hat die Ehre des Theaters noch hochgehalten!“
Aber dann werde ich schon ganz woanders sein und es nicht mehr nötig haben in dieses Provinznest zurückzukehren.
Ich werde lächeln: Das tut mir aber schrecklich leid!
Denn am Ende wird sich das wahre Talent immer durchsetzen! (ab)

© bei Jana Zöll

Die Esoterikerin

Ich war gestern beim Doktor. Im Wartezimmer trifft man ja auf die verschiedensten Leute.
Neben mir saß also eine Frau, die hatte eine so unangenehme Ausstrahlung, jeder konnte gleich merken, dass mit ihr was nicht in Ordnung war.
Und wisst ihr, ich kann die Aura von den Menschen nicht nur spüren, sondern auch sehen. Und ich war erschrocken, was ich da sehen musste: ihre Aura war schon ganz dunkel verfärbt von lauter unterdrückten Gefühlen und Aggressionen.
Und ich bin ja so ein mitfühlender und hilfsbereiter Mensch. Ich musste sie einfach ansprechen.
Nein, ich bin natürlich nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen. Ich habe sie auf diesen Artikel angesprochen, den sie da las: Ob sie Probleme mit der Stimme habe und erfahren, dass sie Lehrerin ist.
Da wurde mir natürlich gleich einiges klar. Die Stimmprobleme, die aufgestaute Aggression… Bei den Schülern heutzutage.
Und ich sah mich einfach in der Pflicht etwas zu tun, dieser Frau zuhelfen.
Und ich meine, meditativer Tanz ist in solchen Fällen einfach ideal.
Ich habe ihr also von meinen Kursen erzählt, die ich leite und sie herzlich eingeladen doch einmal vorbeizuschauen.
Aber sie reagierte gleich so ablehnend.
Dabei ist es wirklich für jeden wichtig etwas für seine Körperbewusstheit zu tun, sich mal Zeit nur für sich zu nehmen, einen Moment inne zu halten.
Und wisst ihr, ich hab ja auch Kurse nach Middendorf gemacht.
Kennt ihr Ilse Middendorf?
Das ist eine ganz erstaunliche ältere Frau, ganz fidel. Ich bin so dankbar, dass ich sie in einem Seminar erleben durfte.
Und diese Frau hat eben so eine Atemtechnik entwickelt, wo du deine Körperbewusstheit sehr erhöhen kannst, eine ganz neue Qualität.
Es muss ja nicht meditatives Tanzen sein, wenn sie eine Methode für sich gefunden hat zur Ruhe zu kommen, mal ganz bei sich zu sein.
Aber diese arme Frau hatte doch gar nichts, ich musste ihr doch helfen.
Ich hab ihr also gesagt, falls sie es sich anders überlegen sollte, sie sei herzlich eingeladen Mittwochabend dazu zustoßen, ganz unverbindlich, ohne Verpflichtungen.
Ich meine, wir sind ja auch eine ganz nette Runde und ein paar nette Kontakte können auch nie schaden.
Doch sie blieb weiterhin freundlich, aber auch ablehnend. Doch ich spürte natürlich, dass unter dieser Freundlichkeit etwas anderes lag. Ich durfte doch jetzt nicht aufgeben!
Diese arme Frau brauchte dringend meine Hilfe, denn wenn die Aura erst mal komplett verdunkelt ist, ist es einfach zu spät, da helfen dann auch keine Pillen vom Doktor mehr.
Wenigstens sprach sie jetzt mit mir. Sie erzählte mir, dass sie mit so etwas sehr schlechte Erfahrung gemacht habe, ihre Schwester sei da in was reingerutscht…
Nun, da muss man auch wirklich aufpassen an wen man da gerät. Nicht alle meine „Kollegen“ sind vertrauenswürdig, aber ich habe ihr beteuert, dass man mir wirklich vertrauen kann.
Aber es half alles nichts, es ist mir unbegreiflich, wie die Menschen heute imstande sind, so gar nicht zu merken was sie brauchen, so schlecht für sich selber zu sorgen und auch einfach nicht zu spüren wer es gut mit ihnen meint und wer nicht.
Ich meine man kann doch nicht alle Menschen, die über Spiritualität reden über einen Kamm scheren. Überall gibt es schwarze Schafe.
Aber ich mein es doch wirklich nur gut mit den Menschen. Es tut mir ihm Herzen weh, wenn die Menschen sich selber so verleugnen und einfach ihre innere Stimme nicht mehr hören und keine Verbindung mehr zu ihrem inneren Kind haben, denn auch das ist wichtig.
Ich fühlte mich einfach berufen dieser Frau zu helfen, ich konnte sie doch nicht in ihr Unglück rennen lassen.
Ich habe es also ein letztes Mal versucht und ihr die Adresse und die Uhrzeit für alle Fälle gegeben, falls sie plötzlich doch noch das Bedürfnis haben sollte mal zur Ruhe zu kommen und dem Alltagsstress zu entfliehen…
Da springt sie plötzlich auf und schreit mich an was das solle, das wäre eine Unverschämtheit, ich solle sie nicht weiter belästigen und ist wutschnaubend aus dem Wartezimmer gestoben.
Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schockiert ich da war. Ich meine, ich hab es doch nun wirklich nur gut gemeint und diese Frau fährt mich so an. Aber wenigstens hat sie einmal ihrer Wut Ausdruck verliehen, ihren Gefühlen freien Lauf gelassen. Wahrscheinlich war es gar nicht persönlich gemeint…
Man hat es heutzutage wirklich nicht leicht, wenn man die Menschen liebt. (ab)

© bei Jana Zöll

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: